Drachen in der Bibel

2.2 Drachen im biblischen Schöpfungsbericht
Drachen finden sich in der Bibel schon sehr früh, allerdings werden sie eher als Schlange denn als Drache gesehen. Das Wort Drache stammt aus dem altgriechischen drákōn δράκων ‚Drache‘ und meint eine große Schlange. Ursprünglich meint das Wort »der scharf Blickende« und bezeichnet vielleicht ein Wesen, das alles sieht und damit weise ist.
Drachen müssen nicht unbedingt so aussehen wie auf den Darstellungen der Drachen, die in unserem Kulturkreis üblich sind. Meistens sind es solche Drachen, wie sie der Heilige Georg oder Siegfried tötet. Bei der Arbeit an diesem Buch war ich von der Darstellung der Drachen in China und Japan regelrecht geblendet. Obwohl ich mich jahrelang mit der griechischen Mythologie befasst hatte, war ich der Meinung, es gäbe im griechischen Mythos keine Drachen. Aber dann hatte ich ein Gespräch mit einem Nürnberger Stadtrat, der aus Griechenland stammt. Er meinte, dass es ja so viele Drachen in der griechischen Mythologie gäbe. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die großen schlangenartigen Wesen in der Bibel und im griechischen Mythos sind selbstverständlich auch Drachen.
Die erste Erwähnung in der Bibel von Schlangen, die eigentlich Drachen sind, findet sich im Schöpfungsbericht, der Genesis. Es gibt zwei unterschiedliche Schöpfungsberichte in der Bibel. Von der Entstehungsgeschichte des Textes ist der erste Bericht der jüngere, obwohl er in einem altertümlichen Stil verfasst ist. Offenbar wurde er als eine Art Korrektur dem zweiten, älteren Bericht vorangestellt. Der erste Schöpfungsbericht beginnt:
Bereshith bara elohim et hashamajim v’et ha‘arez,
/ v’ha‘arez hajtah tohu vavohu …

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. / Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. / Finsternis über Urwirbels Antlitz. / Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.
(*FN* Genesis 1.1 ff Übersetzung Martin Buber: *FN*)

Hier wird die Übersetzung des jüdischen Philosophen Martin Buber zitiert, weil sie sehr sinnlich und anschaulich ist. Die Erde war Irrsal und Wirrsal, hebräisch: Tohu va vohu. Es ist keine Schöpfung aus dem Nichts. Die Erde war tohu – wüst, wa – und, vohu – wirr. Alles war schon da, aber es war ungeordnet und wirr. Wenn ich auf meinen Schreibtisch schau, verstehe ich manchmal das Tohuwabohu ganz unmittelbar. Leer ist der jedenfalls nicht!
Buber übersetzt den Anfang sehr dynamisch mit »Braus Gottes«. In der Einheitsübersetzung heißt es: »Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« Der »Geist« ist die ruach, der Atem Gottes, der aber nicht sanft und mild schwebt. Manchmal reißt die ruach, die einen Propheten trifft, förmlich in der Schau Gottes empor wie ein gewaltiger Sturm. Buber deutet in der Tradition des Judentums das Geschehen der »Schöpfung« als einen Dialog zwischen Gott und der Welt. Deshalb schwebt der Geist nicht neutral auf dem Wasser. Er schwingt dynamisch über dem Wasser – von Angesicht zu Angesicht. Gott, der hier noch keinen Namen hat, sondern einfach mit dem Wort Elohim – dem Plural von El – Gott oder eine unbekannte Macht – gerufen wird, ist im Dialog mit dem Tohuwabohu:

Gott sprach: Licht werde! Licht ward.
Gott sah das Licht, dass es gut war.
Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.
Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!

Die ‚Schöpfung‘ geschieht wie ein Dialog. Gott ruft: »Licht!« Und das Licht antwortet: »Da bin ich!« Gott, oder besser Elohim macht das Licht nicht, er ruft es heraus. Und er trennt und ordnet das Licht und die Finsternis und gibt beiden ihre Namen. Genau so hat Elohim es viel später mit Moses getan, als der den brennenden Dornbusch sah und hinzu trat. Da rief eine Stimme aus dem Dornbusch: »Mosche, Mosche!« und Moses antwortet: »Da bin ich!«

Wir können Elohim nicht einfach mit dem Personalpronomen ER ansprechen. Vielleicht – oder sogar sicher – ist Elohim genauso auch SIE.
Im ersten Schöpfungsbericht, Genesis 1 heißt es über die Entstehung des Menschen lapidar:

Gott sprach:
Machen wir den Menschen in unserem Bilde nach unserem Gleichnis!
… Gott schuf den Menschen in seinem Bilde,
männlich, weiblich schuf er sie.
(*FN* Genesis 1.27*FN*)

In der jüdischen Mystik der Kabbala wird diese Aussage als Beleg für die Zweigeschlechtlichkeit Gottes verstanden. Im Sohar, einem heiligen Buch der Kabbala heißt es:
»Männlich und weiblich hat er sie geschaffen.« Darum ist ein Geistbild (ein Bild, das wir uns von der Natur des Geistes bilden) in dem nicht männlich und weiblich vereinigt sind, nicht himmlischer Art. …An einem Orte, wo sich nicht ein Männliches und ein Weibliches vereinigt finden, schlägt der Allheilige nicht seinen Wohnsitz auf und auch der Segen findet sich nur an einem Orte, der männlich und weiblich vereinigt. (*FN* Der Sohar, zu Genesis 1.27, Übersetzung Ernst Müller*FN*)
Der männliche Teil ist für die Mystiker El oder Elohim(*FN* El ist die Bezeichnung für Gott im Singular, Elohim im Plural. Religionsgeschichtlich konnten auch die Götter Kanaans mit El oder Elohim bezeichnet werden. Erst der NAME, der nicht ausgesprochen werden konnte, bezeichnet eindeutig den Gott Israels im Unterschied zu denen der Kanaaniter. *FN*), der weibliche die Schechina. Im ersten Schöpfungsbericht wird niemals der Name Gottes genannt, es wird immer nur von El – Gott gesprochen. Die Schechina ist ursprünglich die »Einwohnung« Gottes bei seinem Volk. Gott wohnt in einem Zelt, das den wandernden Israeliten immer voraus getragen wird. Wenn das Zelt aufgestellt ist, wohnt Gott in diesem Zelt, indem er unsichtbar auf dem Thronsitz der Bundeslade Platz nimmt. In der mystischen Deutung ist Schechina der weibliche Gegenpart zum männlichen El. Deshalb ist der Mensch als Bild Gottes ebenfalls männlich – weiblich.

Das Weibliche ist untrennbar vom Männlichen, darum wird es genannt ‚meine Taube, meine Reine‘ (Hohes Lied). Lies nicht: ‚Meine Reine‘ sondern ‚mein Zwilling‘.
Der Mensch ist erst dann ein Ganzes, wenn sich das Männliche und das Weibliche verbinden, sei es im Geiste oder in der Liebe:
Wenn sie sich dann verbinden, erscheinen sie als ein Körper wahrhaftig. Daraus folgt, dass das Männliche allein nur als ein halber Körper erscheint und ebenso das Weibliche. … Erst wenn sie sich verbinden, werden sie zur Einheit. Und wenn sie sich zur Einheit verbunden, freuen sich alle Welten, weil von einem vollkommenen Körper Alle Segen empfangen. … Was darum nicht männlich und weiblich enthält, wird ein halber Körper genannt. Es kann kein Segen walten an einem makeligen, mangelhaften Dinge, sondern nur an einem vollkommenen Ort und nicht an einem ‚halben‘, denn ‚halbe‘ Dinge können in Ewigkeit keinen Segen aufnehmen.
(*FN* Sohar, Kapitel Idra suta*FN*)

Das ursprünglich fast partnerschaftliche Verhältnis zwischen Gott und den Menschen zeigt sich darin, dass Gott dem Menschen seine Fähigkeit gibt, den Dingen einen Namen zu verleihen und es damit zu dem zu machen, was es ist. Zugleich überträgt Elohim dem Menschen die Erde. Es gibt hier keine Erwähnung des Verbotes, von einem bestimmten Baum zu essen. Vielmehr heißt es nur:
Hier gebe ich euch / alles samensäende Kraut, das auf dem Antlitz der Erde all ist, und alljeden Baum, daran samensäende Baumfrucht ist. / Euch sei es zum Essen, / und allem Lebendigen der Erde, allem Vogel des Himmels, / allem, was auf Erden sich regt, darin lebendes Wesen ist, / alles Grün des Krautes zum Essen.(*FN* Genesis 1.29*FN*)
Es ist keine Rede von irgendeinem Verbot oder einer verbotenen Frucht. Davon wird erst im zweiten Bericht erzählt. Im zweiten Schöpfungsbericht werden dann zwei besondere Bäume erwähnt. Der Erste ist der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, der Zweite ist der Baum des Lebens.

Im zweiten Schöpfungsbericht, der unmittelbar in der Anordnung der Heiligen Schrift folgt, wird die Geschichte von der Erschaffung der Menschen völlig anders erzählt.
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