Naga in Indien

3. Drachen in Indien: Nāga
In Indien hießen die Drachen Nāga. Die Nāga waren ursprünglich Schlangenkönige, die im Wasser lebten. Alle großen Flüsse in Indien sind selbst Nāga. Schließlich schlängeln sie sich durch das Land. Klar, dass sie nichts mit den feuerspeienden Wesen des Westens zu tun haben.
Die wunderschöne und liebliche indische Göttin Sarasvati, die ergreifend schön singen kann, und die Literatur, Musik und Gesang ausübt und schützt, war ursprünglich ein großer Fluss, bevor sie zu einer Nāga wurde.
Flüsse erinnern mit ihrem stetigen Murmeln an die Musik und den Gesang. Aber dann war sie eben auch eine Nāga, ein schlangenförmiges Wesen. Sehr verwandt mit der Sarasvati ist die japanische Benten, die ebenfalls Musik, Gesang und Literatur schützt. Eine Erscheinungsform ist eine Schlange und eine andere ein Drache. Drachen als wunderschöne Frauen?! Im Westen – mit Ausnahme des griechischen Mythos – eher eine ungewöhnliche Vorstellung.

Die Nāga gleichen in ihrem Aussehen einer Kobra und weniger einem Drachen, wie wir uns Drachen vorstellen. Das liegt daran, dass die Kobra in Indien schon seit Urzeiten als heiliges Wesen verehrt wurde. In jedem Dorf gab und gibt es heilige Kobra, denen Opfergaben dargebracht werden. Die Inder sehen, bedingt durch ihre Kultur, die Drachen in der Gestalt der Kobra. Vielleicht haben die Chinesen die Drachen nach dem Vorbild der Dinosaurier geformt, von denen sie seit Urzeiten Knochen und ganze Skelette gefunden haben. Dachen nehmen eben je nach dem kulturellen Umfeld, in dem sie verehrt werden andere Gestalten an. C. G Jung würde sagen, die Drachen gehören zum kollektiven Unbewussten. Aber die bildliche Ausgestaltung des Drachenwesens ist abhängig von der lokalen Kulturtradition.

Die Nāgā spielen auch im Buddhismus eine bedeutende Rolle. Der legendäre indische Weise Nāgarjūna – Nāga(r) jūna die, ‚weiße Nāgā‘ – hat seinen Namen, weil er seine Weisheit und verschiedene buddhistische Sūtren von den Nāga erhalten haben soll. Nāgarjūna hat nicht nur tiefsinnige philosophische Werke hinterlassen. Man schreibt ihm auch die Verfasserschaft des wichtigen Herz Sūtra zu. Er ist einer der wichtigsten Denker Indiens. Nāgarjāna hat möglicherweise im 2. Jahrhundert gelebt, aber wir wissen über sein Leben sehr wenig, obwohl wichtige Werke von ihm erhalten sind.

Eine viel erzählte Legende gibt es auch von einem der acht Könige der Nāgas, der auf dem Meeresgrund lebt. Seine achtjährige Tochter wird ohne Übung und ohne viele Wiedergeburten unmittelbar vor einer riesigen Versammlung buddhistische Weiser zum Buddha. Diese Geschichte wird in dem wichtigen Lotos – Sūtra erzählt. Über das Lotossūtra und die acht Drachenkönige wird mehr im 2. Band berichtet werden. Die Nāga- Drachen sind also eine wichtige Quelle der Gelehrsamkeit und des religiösen Erwachens.
Als die Geschichten von den Nāga mit dem Buddhismus nach China kamen, erkannte man diese Schlangengestalten völlig selbstverständlich als Drachen. Das indische Wort Nāga wird denn auch ganz selbstverständlich mit dem Schriftzeichen für Drache geschrieben.

3.1 Nāga im Buddhismus
Die Nāga spielen von Anfang an im Buddhismus eine große Rolle. Eine der bedeutendsten Nāga ist Mucalindo, die Buddha nach seinem Erwachen schütze. Erzählt wird von dieser Drachenschlange in den Udāna, den kleinen Geschichten im alten Dialekt des Pali, in dem die ältesten Schriften des indischen Buddhismus verfasst wurden. Weil der Text so schön ist, soll er hier vollständig wieder gegeben werden:

mucalinda
Bild 15 Buddha und Mucalinda –
Thailändische Malerei
So hab ich‘s vernommen: Einstmals weilte der Erhabene bei Uruvelā am Gestade des Flusses Nerañjarā am Fuße des Mucalindabaumes, kurz, nachdem er vollkommen erwacht war.
Da saß der Erhabene sieben Tage lang nur mit gekreuzten Beinen und empfand das Wohl der Erlösung.
Zu der Zeit zog, ganz außer der Jahreszeit, eine gewaltige Regenfront auf, und sieben Tage hindurch schüttete es, herrschte kalter Wind und schlechtes Wetter.
Da schwand Mucalindo, der König der Nāga aus seinem eigenen Reich weg, umschlang siebenmal den Leib des Erhabenen mit seinen Windungen und stellte sich hin, seine große Haube über dem Haupt des Erhabenen ausbreitend, in dem Bestreben: »Möge doch der Erhabene bewahrt bleiben vor Kälte, vor Hitze, vor der Berührung durch Bremsen, Stechmücken, Wind, Sonnenbrand und Kriechtiere!«
Nachdem diese sieben Tage verstrichen waren, erhob sich der Erhabene aus der Einung. Mucalinda, der König der Nāgag, sah, dass der Himmel klar und von Regenwolken freigeworden war; da löste er seine Windungen vom Leib des Erhabenen los, verwandelte sein Aussehen und erschien vor dem Erhabenen in Gestalt eines Jünglings, der vor ihm stand und ihm mit gefalteten Händen seine Verehrung erwies.(*FN* Udāna, Kapitel II: Mucalinda, Übersetzung: Fritz Schäfer. http://www.palikanon.com/khuddaka/udana.html*FN*)
Wieder haben wir die Geschichte von einer Drachenschlange, die in einem Baum wohnt. Nach dieser Geschichte aus dem Palikanon meditiert Buddha unter dem Mucalinda Baum, in dem der gleichnamige Drachenkönig lebt. Wie selbstverständlich übernimmt er den Schutz des Erhabenen, indem er sich siebenmal mit seinem Schlangenleib um ihn windet und seine vielen Köpfe als Schirm aufspannt – offenbar war Mucalinda ein kobragestaltiger Nāga. So kann der Erhabene fast eine untrennbare Einheit mit dem Drachenkönig werden.
In dieser Geschichte zeigt sich ein Unterschied zu den griechischen Geschichten von Drachen. Es ist nicht nur eine schöne Geschichte, vielmehr gibt sie Erfahrungen wieder, die ein Praktizierender in der Meditation in ähnlicher Weise erfahren kann wie Buddha. Der Naga – König Mucalinda windet sich siebenmal um den Körper des Erhabenen. In der Regel wird Buddha dargestellt, wie er auf Mucalinda sitzt, aber wenn man ihn so darstellen würde, wie es der Text schreibt, dann könnte man den Erhabenen nicht mehr sehen, weil er vollkommen von der Naga umhüllt wäre.

Es ist auffällig, dass sich Mucalinda siebenmal um den Leib Buddhas windet. Das ist genau die Anzahl der Chakren, der Energiezentren im Körper, von denen die indischen Yogis berichten. Im untersten Chakra liegt zusammengerollt und schlafend die Schlange – oder sagen wir besser der Nagadrache mit dem Namen Kundalini, die Zusammengerollte. Durch die Meditationstechniken kann Kundalini erwachen. Dann durchströmt sie alle sieben Zentren oder Chakren. Chakren sind nach der indischen Vorstellung wie kreisförmige Scheiben um die Wirbelsäule angeordnet. Das oberste Chakra bildet eine Lotosblüte oberhalb des Scheitels, die sich voll öffnen kann. Dann entsteht das Bild der Mucalinda, die den Buddha in sieben Windungen einhüllt und die mit ihren Häuptern und der aufgespannten Haube wir ein Schirm über dem Kopf des ruhenden Buddha steht.

»Der Zustand der Chakren soll auf die zugehörigen Organe ebenso wie auf Emotionen, Psyche und Charakter wirken. Störungen und Blockaden können sich daher sowohl auf der physischen als auch auf psychischer Ebene zeigen. Verschiedene Yogasysteme bieten die Möglichkeiten, Chakren zu harmonisieren und Blockaden aufzulösen. Das postulierte Ziel des Yoga ist die Heilung von Körper, Seele und Geist um so zu einer Ganzheit zurückzufinden und in der spirituellen Entwicklung voranzuschreiten. Sind alle sieben Hauptchakren einschließlich des Kronenchakras vollständig geöffnet und kann die Lebensenergie (Prana) ohne Blockaden und Störungen fließen, dann hat das Individuum nach hinduistischer sowie nach buddhistischer Lehre Erleuchtung erlangt.«(*FN* Zitat nach Wikipedia, Artikel ‚Chakra‘*FN*)

Später werden wir das System der Chakren und die Wirkung der Kundalini – Nāga näher anschauen.

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