Dogen und die Zeit

9.1 Dōgen und die Zeit: U-JI
Zenmeister Dōgen (1200 – 1253) beginnt das Kapitel Ū-JI aus dem Shōbōgenzō mit einem Gedicht(*FN* Übersetzung: Ryõsuke Ōhashi und Rolf Elberfeld in: Dōgen Shōbōgenzzō, Ausgewählte Schriften*FN*):

古佛言
有時 高高峯項立
有時 深深海底行
有時 三頭八臂
有時 丈六八尺
有時 挂杖拂子
有時 露挂燈籠
有時 張三李四
有時 大地虚空

Ein alter Buddha sagt:
Zu einer Zeit (Ū-JI) auf dem hohen, hohen Berggipfel stehen,
zu einer Zeit auf dem tiefen, tiefen Meeresgrund gehen.
Zu einer Zeit der dreiköpfige, achtarmige Wächtergott,
zu einer Zeit der bald sechzehn Fuß
und bald acht Fuß große Buddha.
Zu einer Zeit Stab und Wedel,
zu einer Zeit Pfeiler und Gartenlaterne,
zu einer Zeit Hinz und Kunz,
zu einer Zeit große Erde und leerer Himmel.

Das Wort Ū-JI 有 – 時, das hier als „zu einer Zeit“ übersetzt ist, besteht aus zwei Worten und aus zwei Schriftzeichen. Es kann im Chinesischen und Japanischen in dieser Zusammensetzung „manchmal“ bedeuten, aber der philosophische Gehalt der Gedanken Dōgens verbietet diese Übersetzung. Das erste Zeichen 有 – U wird als Sein oder Haben gelesen. Normalerweise unterscheiden wir in unserer Sprache Haben und Sein. Wie oft versuchen wir, uns über das Haben zu bestimmen. Wenn der Nachbar ein größeres oder schnelleres Auto fährt, als ich selbst, kann das möglicherweise an meinem Selbstbewusstsein kratzen. Wer ist DER, dass der sich ein schnelleres Auto leisten kann?
Darum ist es in vielen Firmen ein ungeschriebenes Gesetz, dass man kein größeres Auto fährt als der Vorgesetzte. Und der Vorgesetzte bekommt den besseren Bürostuhl mit Armlehnen, während wir uns mit einem kleinen, ohne Lehne begnügen müssen. Sogar im Zenkloster spielt diese Bestimmung des Seins durch das Haben eine Rolle. In dem Gedicht heißt es: „Zu einer Zeit Stab und Wedel“. Stab und Wedel sind die Insignien des Abtes. Wenn er die trägt, hat jeder im Kloster mit absolutem Gehorsam ohne jeden Widerspruch das zu tun, was der Abt anordnet. Wer Stab und Wedel HAT, der IST der Abt und die absolute Autorität!

Aber welche Weisheit liegt in dem Bild, mit dem das chinesische 有- U (Sein / Haben) geschrieben wird. Es zeigt eine Hand, die den Halbmond greift. Wir können zwar nach dem Mond greifen. Wenn wir die richtige Perspektive unserer Sehweise wählen, gelingt es sogar, den ganzen Mond mit unserer Hand zu greifen. Aber das ist nur unsere sehr subjektive Sichtweise. Der Mond ist viel zu weit weg, um ihn greifen zu können. Aber wie oft meinen wir, etwas fest im Griff zu haben, nur um kurze Zeit später zu erkennen, dass wir einer sehr subjektiven Sicht und einer Illusion erlegen sind. Selbst wenn wir den Mond greifen könnten, so ist der Mond doch in ständiger Veränderung. Man kann genau diesen Mond in diesem Augenblick nicht festhalten – schon hat er sich wieder verändert. Wir versuchen, unser Sein zu sichern, indem wir es z.B. „versichern“. Wir versichern unser Leben, indem wir eine Lebensversicherung abschließen. Aber ist dadurch unser Leben wirklich „sicher“ geworden? Das Einzige, was wir versichern können, ist der finanzielle Verlust. Aber was ist, wenn uns unersetzliche, lang geliebte Dinge verloren gehen. Können wir die wirklich mit Geld ersetzen?
Ist es wirklich so, dass wir uns durch das „Haben“ bestimmen? Das Haben unterscheidet uns von den Anderen. Wir bestimmen uns aus unserem Verhältnis zu den Anderen. Ich habe Stab und Wedel, du musst tun, was ich sage. Ich bin reich, du bist arm; ich bin klug, du bist dumm.

9.1.1 Die Zeit: Üben der Zwölf Stunden

Das zweite Wort in Ū-JI ist Ji 時, die Zeit. Das Schriftzeichen zeigt als Bild die Sonne, der zweite Teil des Schriftzeichens ist das Lautzeichen, das zeigt, dass dieses Wort als JI gesprochen werden muss. Verwirrend wird es, wenn wir ein Lexikon der alten japanischen Sprache zu Hilfe nehmen. Ji bedeutet: Zeit, Jahreszeit, Vierteljahr, Doppelstunde, Stunde, Frist, richtige Zeit, Gelegenheit, zeitgemäß, jetzt, derzeit, zeitig, von Zeit zu Zeit, mit der Zeit, während, als, damals, ständig, immer und schließlich sogar: Wetter. Aber es ist nicht das Wetter, das in der Wettervorhersage gemeldet werden kann. Dieses Wetter heißt Ten-ki, Himmels-Energie. Es ist das Wetter, das Jetzt in diesem Augenblick ist.
Kurz nach dem angeführten Gedicht schreibt Dōgen:

[Dies – dass Alles jeweilige Zeit ist – ist] anhand der gegenwärtigen zwölf Tageszeiten zu üben und zu erlernen.

WAS ist da zu üben und zu erlernen? Wir sind doch ohnehin immer in der Zeit. Niemand kann sich aus der Zeit heraushalten. Aber unser Verhältnis zur Zeit ist gespalten. Rilke schreibt in den Duineser Elegien, dass wir Menschen immer schon „zu spät“ auf „teilnahmslosem Teich“ landen. Die Tiere, so meint Rilke „wissen die rechte Zeit“, wir Menschen dagegen sind meisten „zu spät“ oder manchmal auch zu früh. Bevor wir den Verlauf der Dinge richtig erkennen, und unser Gemüt freimachen von unseren Vorurteilen und unserem Haften am Gewohnten, ist die rechte Zeit vorüber: Wir sind wieder einmal zu spät! Wir SIND nie in der rechten Zeit, wir müssen üben, uns dorthin zu begeben.

9.1.2 Das Üben – Theorie
Was aber heißt „üben“? Wenn wir etwas üben, dann wiederholen wir einen ganz bestimmten Vorgang ganz bewusst immer wieder. Wir tun jedes Mal wieder das Gleiche, aber jedes Mal bringen wir ein Stück von Erfahrung aus dem Übungsprozess, den wir vorher durchlaufen haben in die Übung ein. Übung ist bewusste, stete Wiederholung eines Vorganges, der sich stets während der Übung zwar als derselbe erweist, aber immer anders erfahren wird. Wir sind in der Übung immer im Jetzt, aber das Jetzt ist jeweils neu und anders. So kommen wir mit dem Üben niemals an ein Ende, wir sind immer am Anfang – im Anfängergeist.
Wenn wir uns im täglichen Trott des Alltags befinden, so üben wir die Zeit nicht ein, weil uns der Trott nicht bewusst wird. Nur, wenn wir uns der Zeit jeweils ganz und gar bewusst werden, üben wir in der Wiederholung. Sonst ist die Wiederholung ein endloses Laufrad der Routine, aus dem wir nie wieder frei werden können.

Rilke schreibt in der ersten Duineser Elegien: »Was bleibt, ist eine verzogene Gewohnheit, der es bei uns gefiel und darum blieb sie.«
Die Gewohnheit ist „verzogen“ wie ein ungehorsames Kind und sie ist verzogen und schief, weil sie nicht mehr passt. Aber sie blieb uns treu und wir verhalten uns nach dieser Gewohnheit, obwohl sie schon längst keinen Sinn mehr macht. Weit entfernt, den Augenblick bewusst zu „üben“, verhalten wir uns weitgehend unbewusst nach den verzogenen Gewohnheiten. Diese Wiederholung verschleißt und vernutzt uns im täglichen Trott und in Routine.

Was sind die zwölf Stunden, von denen Dōgen spricht? Die Zeit im alten China – und dem folgend auch in Japan – war in zwölf Stunden eingeteilt, sechs Nacht- und sechs Tagstunden. Die Tagstunden wurden, wie übrigens auch bei uns in unserem alten Europa, mit der Sonnenuhr gemessen. Der Tag hatte zwischen Sonnenaufgang und Untergang sechs Stunden (in Europa 12), die Nacht ebenfalls sechs Stunden. Ganz klar ist die Stunde eines Sommertages sehr viel „länger“ als die Stunde einer Sommernacht. Und umgekehrt ist die Winter Tagesstunde viel kürzer, als die Nachtstunde. Das entspricht vollkommen dem natürlichen Lebensrhythmus der Menschen. Die langen Sommer-Tagesstunden sind erfüllt mit Tätigkeiten auf dem Felde. Die kurze Nacht dient der Ruhe. Im Winter, wenn die Natur ruht, ruht auch der Mensch. Die Stunden seiner Aktivität sind sehr viel kürzer als die der Ruhe. Die alte Zeiteinteilung ist eine Einteilung von gelebter Zeit, nicht eine abstrakte Zeit, die mit der Uhr gemessen wird. Mit der Uhr kann man keine Lebenszeit „messen“. Die zeigt nur sinnlose, gleichmäßige Abschnitte von Zahnrädern, die sich drehen. Unsere Zeit ist eine Maschinenzeit, die sich gegen die natürlichen Lebensrhythmen richtet und vermutlich viele Menschen auf die Dauer krankmacht. Es ist völlig unnatürlich und unsinnig, dass Kinder etwa in der Kälte des dunklen Wintermorgens aufbrechen müssen, um völlig gegen den natürlichen Rhythmus in der Schule zu lernen. Wenn das Licht nicht da ist, reagiert der Organismus mit Schlafbedürfnis und kann nur mit Gewalt zu einer wachen Leistung gezwungen werden.
Als bei uns die mechanischen Uhren aufkamen, bestand lange das Problem, dass die Uhren ständig „falsch“ gingen, denn sie zeigten nie die „richtige“ Zeit an. Man musste die mechanischen Uhren immer wieder mit einer Sonnenuhr auf die „richtige Zeit“ einstellen. Selbst mit der Sonnenuhr können wir nicht wirklich Zeit messen, sondern nur die Tagesstunde. So sagt Dōgen:
Obwohl Länge und Ferne, Kürze und Nähe der zwölf Tageszeiten noch nie gemessen [wurden],
nennt [man] sie [dennoch] die zwölf Tageszeiten.
Länge und Ferne, Kürze und Nähe der Tageszeiten hängen von unseren Hoffnungen oder Befürchtungen ab, sie sind nicht in Stunden oder Bruchteilen von Stunden messbar. Wenn ich etwas sehnlich herbeiwünsche, dehnt sich die Zeit scheinbar unerträglich lang und manchmal „vergeht die Zeit wie im Flug“. Wenn ich Tee in einer Zeremonie bereite, erlebe ich keine Länge oder Kürze der Zeit, nur den Augenblick. Und dieser Augenblick ist nur das »JETZT«. Wie lange eine Zeremonie gedauert hat, könnte ich nicht sagen. Wenn Kinder ganz in ihrem Spiel aufgehen, haben sie keine Zeit mehr, sie SIND ganz und gar im Augenblick.

9.1.3 Eigenschaften der Tageszeiten
Abgesehen davon, dass man die Länge und Kürze einer Zeit, die gelebte Zeit ist, nicht messen kann, ist eine Stunde zur Zeit des Sonnenaufganges eine völlig andere Zeit als eine Stunde um den Sonnenuntergang. Schon einige Zeit vor dem Sonnenaufgang wird es kalt. Die Nachttiere begeben sich zur Ruhe, die Tagesvögel beginnen mit ihrem Gesang. Allmählich wird die Natur wach und die Tautropfen auf dem Gras glitzern im frühen Morgenlicht, ehe sie sich im Morgennebel auflösen. Langsam beginnen die Menschen, sich zu regen und ihren Tagesgeschäften nachzugehen.
In der Schrift Nambōroku(*FN* Namboroku: Die Aufzeichnungen des Mönches Nambo (über seine Gespräche mit Teemeister Rikyū in sieben Büchern), vermutlich um 1600 entstanden aber erst um 1700 bekannt geworden. Über das Namboroku: http://teeweg.de/de/literatur/nambo/nambo-herk.php. Dort auch auszugsweise Übersetzungen. Das 1. Buch Oboegaki ist übersetzt in: Wind in the Pines; Denis Hirota *FN*) sagt der Teemeister Rikyū, dass man sich zu der Zeit vom Lager erheben soll, wenn die Vögel zu singen beginnen. Dann soll man den Teeraum reinigen und anschließend Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Das ist dann die Stunde des Tigers. Die ‚Uhrzeit‘ der Stunde des Tigers kann nicht in dem Maß unserer 12 Stunden der Uhr angegeben werden, denn sie unterscheidet sich im Sommer oder im Winter. Das Wasser, das um diese Zeit geschöpft wird, heißt in China die „Blüte des Brunnens“. Es macht gesund und stark. Wasser dagegen, so sagt Rikyū, das man in der Stunde des Hasen, also etwas vor dem Sonnenuntergang schöpft, sei „giftig“! So hat die Natur unterschiedlichen Charakter zu den verschiedenen Tagesstunden. In den Morgenstunden bricht alles auf zu den Tagesgeschäften, in den Abendstunden kehren alle Wesen heim in die Stille.
Die griechische Dichterin Sappho schreibt in einem berühmten Gedicht:

Hesperos – bringst alles heim, was der Morgenstern zerstreute, Bringst Schafe heim, bringst Ziegen heim,
bringst weg von der Mutter die Tochter.(*FN* Sappho, Fragment 104 SP: Ἔσπερε, πάντα φέρων, ὄσα φαίνολις ἐσκέδασ‘ Αὔως,
†φέρεις ὄιν, φέρεις αἶγα, φέρεις ἄπυ† μάτερι παῖδα.*FN*)

Alles kehrt müde und satt vom Tag heim in die Stille, nur die Tochter verlässt die Mutter, um, gerufen vom Abendstern, der Venus, zu ihrem Geliebten zu gehen und sich den Taten der Liebe zuzuwenden. Das entspricht dem Charakter der Nachtstunden. So hat eine Stunde des Morgens einen völlig anderen Charakter, als eine Stunde des Abends. Dies ist nicht messbar, aber dennoch ist gerade das die Zeit!

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