Farbe und Leiden-schaft

7.2 Farbe und Leidenschaft
Das chinesische Schriftzeichen für iro 色 – Farbe zeigt zwei Menschen in einer liebenden Vereinigung. Das zeigt das Schriftzeichen in den alten Siegelschriften noch sehr deutlich. »Farbe« ist eine sehr heftige und stark emotionale Beziehung des Menschen zu einem Anderen, das heftig begehrt wird. Farbe ist immer mit einer starken emotionalen Bindung an das Andere verbunden.
In der alten japanischen Sprache bedeutet iro, in der sinojapanischen Lesung auch shoku oder shiki, zunächst die Gesichtsfarbe, vor allem die einer schönen Frau. Das Gesicht ist der Teil des Menschen, der in besonderer weise Beziehung zu dem Gegenüber aufnimmt, es ist die Vorderseite, das, was den Anderen an-geht und an-macht. Weil eine schöne Frau den Mann oft erregt und anzieht, bedeutet iro daher auch »Lust« oder »Begierde«. Übertragen bedeutet iro dann jede Erregung des Herzens, die von einem aufreizenden Affekt ausgeht. Jedes Seiende, das den Menschen an-geht, hat Farbe. Farbe ist die Art und Weise, wie etwas Seiendes ins Auge fällt. Farbe fällt ins Auge, spricht an und lässt uns aufmerken.

iro
Abb. 3 iro: Siegelschriften

Farbe ist damit aber nicht nur etwas am Objekt: Das angegangene Subjekt antwortet immer auch seinerseits mit einer emotionalen Regung. Dadurch gewinnt das eigene Herz »Farbe«. Farbe ist leidenschaftliche Hinwendung zu dem, was sich zeigt. Wir sagen ja auch, dass unser Leben Farbe bekommt, wenn wir etwas leidenschaftlich Schönes erleben oder wahrnehmen. Fehlt die Farbe, so wird das Leben grau und fade.

Im Genji monogatari, den Erzählungen der Hofdame Murasaki über den Prinzen Genji tragen nahezu alle Damen des Prinzen, denen er in Liebesabenteuern begegnet, Blumennamen: Asagao, Yugao usw. Noch Lafcadio Hearn schreibt in seinen »Begebenheiten aus dem Lande Izumo«, dass man Frauen gern mit Blüten vergleicht. Ôshikôchi no Mitsune wird sich also, wie es in der höfischen Gesellschaft üblich war, auf Liebesabenteuer begeben haben. Es scheint, daß die höfische Gesellschaft zur Heianzeit diese ständigen Liebeshändel brauchte, damit das Herz blühte und Farbe bekam. Ohne diese Farbe war das Leben grau. Diese Abenteuer waren niemals auf Dauer angelegt. Genji hat durchaus gleichzeitig mehrere Liebesbeziehungen zu den unterschiedlichsten Damen. Deshalb müssen Liebesabenteuer also geheim gehalten werden. Die Farbe, die das Herz durch die Liebesbeziehung gewinnt, ist nicht von Dauer und sie darf nicht gezeigt werden, da sie sonst von anderen bemerkt würde.
Das Thema der Farbe, die Leidenschaft ist, und der Farblosigkeit, die Freiheit von den Leidenschaften und dem Leiden schenkt, ist Thema in der Gedichtsammlung des Kokin Wakashū (古今和歌集). Das Kokin wakashū ist eine Sammlung von Gedichten, die im Auftrag des Kaisers Uda (reg. 887 – 897) in Auftrag gegeben wurde. Die Gedichte sind in der klassischen Form des waka mit einer Folge von 5 – 7 – 5 und 7 – 7 Silben geschrieben.

Die Subjektivität der Herzensblüte überträgt sich durchaus auch auf die objektive Wahrnehmung.(*FN* Nr 24, verfasst von Minamoto no Muneyuki*FN*)

Tokiwa naru Selbst das beständige
matsu no midori mo Grün der Kiefer –
haru kureba kommt der Frühling,
ima hitoshio no ist ihre Farbe
iro masarikeri schöner als zuvor.

Das Grün der Kiefer, das immer gleich bleibt (tokiwa naru), »blüht auf«, wenn das eigene Herz im Frühling neue Farbe gewinnt. Farbe ist niemals unabhängig von der eigenen Gestimmtheit und Farbe des Herzens. Selbst die unveränderlich grüne Farbe der Kiefer, die absolut beständig ist, scheint schöner zu sein, wenn das Herz in den leidenschaftlichen Tagen des Frühlings diese Farbe wahrnimmt.
Aber diese Farbe des Herzens zeigt man nicht nach außen. In Japan ist und war es absolut wichtig, dass die Mitmenschen meine eigene Stimmung nicht erkennen können. Man lächelt höflich, auch wenn das Herz vom Schmerz zu zerreißen droht: (*FN* Nr 104, verfasst von Ōchikōchi no Mitsune*FN*)

花見れば心さへにぞうつりける
いろにはいでじ人もこそしれ
Hana mireba Beim Anblick der Blüten
kokoro sae ni zo fühle ich mich selbst
utsurikeru vom Wandel ergriffen –
iro ni wa ideji doch zeige ich es nicht als Farbe
hito mo koso shire sonst wüssten andere davon.

In der zweiten Zeile ist vom eigenen Herzen – kokoro – die Rede, das durch die Farbe der Blüten, die man schaut, selbst gefärbt wird. Diese Farbe ist die Gestimmtheit, die man durch die äußeren Gegebenheiten annimmt. Der Dichter zeigt diese Gestimmtheit oder die Farbe nicht nach außen, damit die anderen Menschen sie nicht sehen können. Die Blüten sind, wie sie sind, sie können ihre Farbe nicht verbergen. Sie verändern die Farbe, so wie der Mensch seine Stimmungen verändert.
Aber der Mensch kann nach außen eine andere Farbe zeigen, als sie in seinem Herzen herrscht. Diese Fähigkeit, die Gestimmtheit oder Farbe des Herzens vor anderen zu verbergen, ist im Zusammenleben der Menschen von großer Wichtigkeit. Wir können nicht immer unsere Stimmungen nach außen zeigen, ohne die anderen möglicherweise zu verletzen. »Wie‘s drinnen aussieht, geht niemand was an!«
Farbe ist aber schlechthin vergänglich. »Die Farbe ist noch frisch, aber die Blätter sind schon abgefallen!« So heißt es im Iroha. Die Farbe ist zwar noch da, aber es zeigt sich in den gefallenen Blüten bereits der Untergang und der Verfall.
Farbe, iro, ist also etwas, das ins Anwesen hervor kommt, ein Gegenüber an-geht und zu einer Reaktion herausfordert, sich verändert, schwindet und sich ins Dunkel entzieht. Ganz wesentlich spricht Farbe das Herz des Menschen an, nimmt es gefangen und lässt es in Trauer über die Vergänglichkeit zurück.
Es klingt wie ein Aufschrei nach Freiheit von der leidenschaftlichen Farbe, wenn der Dichter Ariwa no Narihira dichtet:(*FN* Kokin wakashu Nr. 53*FN*)

世中に
たえてさくらの
なかりせば

春の心は
のどけからまし yo no naka ni
taete sakura no
nakariseba

haru no kokoro wa
nodokaramashi

Wenn doch mitten in dieser Welt
die Kirschblüte nicht wäre!
Es könnte das Frühlingsherz
so friedlich sein.

Mitten in der Welt – yo no naka ni ist keine objektive Welt, wie wir sie denken. Yo – 世 ist das Geflecht von Beziehungen zu Personen und Dingen, in deren »Mitte« (naka 中) das eigene Herz sitzt. Diese Beziehungen bilden meine Welt, nicht stoffliche Gegen-stände, die mir objektiv und unabhängig von mir gegenüber stehen. Dieses Geflecht der Beziehungen zu den Menschen und Dingen wird von meinem Herzen geformt und formt mein Herz. Im Zhuangzi heißt es:
Gäbe es keinen ‚Anderen‘, dann gäbe es kein ‚Ich‘. Gäbe es kein ‚Ich‘, wäre da nichts, was den ‚Anderen‘ wahrnähme.(*FN* Zhuangzi, 2.3: Über die Gleichheit der Dinge*FN*)
Die Kirschblüten mit ihrer Farbe, seien es reale Blüten oder die Blüten der Liebe zu einer schönen Frau, bringen Sehnsucht, Bewegung, Veränderung und Vergänglichkeit. Zwar erfüllt die Farbe der Kirschblüten das Herz, sie erzeugt zugleich aber auch die schmerzliche Empfindung der Vergänglichkeit.
Wenn die Welt sich nicht wandeln würde, könnte das Herz still und friedlich sein. Aber die Welt ist in stetigem Wandel und reißt das Herz mit, weil es die eigene Vergänglichkeit und die Unbeständigkeit der Dinge mit-leidet.
Ein berühmtes Beispiel für eine unlösbare Verbindung der »objektiven« Farbe mit der »subjektiven« Empfindung des Herzens zeigt ein Waka der Dichterin Ono no Komachi, das im Kokin Wakashu aufgezeichnet ist. (*FN* Kokin Wakashū Nr. 113. Die Waka – Dichtung Japans lebt von der Vieldeutigkeit der Worte. Gleich klingende Worte können völlig unterschiedliche Bedeutungen haben. Die Lautfolge DŌ kann etwa sechzig verschiedene Bedeutungen haben von Weg über Halle bis Kupfer, Teig, Höhle, gleich…..*FN*)

花の色はうつりにけりないたづらに
わが身世にふるながめせしまに
hana no iro wa Die Farbe der Blüten
utsuri ni keri na die sich jetzt gewandelt hat
itazura ni war sinnlos!
wa ga mi yo nu furu unerfüllt wurde ich alt,
nagame seshi ma ni während jetzt der Regen fällt.

Das Gedicht ist wegen seiner vielen Wortspiele schwer übersetzbar, es sei denn, man gibt eine »objektive« und eine »subjektive« Version. Die beiden ersten Zeilen geben das Thema:
hana No iro wa utsuri ni keri na
Die Farbe der Blüte hat sich verändert
Mit hana 花 sind der Konvention entsprechend nicht irgendwelche Blüten, sondern die Sakura no hana, die Blüten der Zierkirsche gemeint. Ihre nutzlose Fülle und Pracht, ihre reine und zwecklose Schönheit schlägt die Menschen in ihren Bann. Zur Zeit der Kirschblüte ziehen noch heute Menschenmassen in die Natur, um die Blüte zu bestaunen und in ihrem Schatten zu essen, zu trinken und zu feiern. Das Fernsehen sendet – ähnlich wie zur Zeit der Laubfärbung im Herbst – regelmäßige Lageberichte über den Stand der Kirschblüte und zeigt Karten der Orte, wo die Blüten zu bestaunen sind.
Andererseits sind gerade die Kirschblüten äußerst vergänglich: Ein einziger starker Regenschauer lässt die Blüten zu Boden fallen und vergehen. Das Moos unter den Bäumen gleicht dann einer winterlichen, schneebedeckten Landschaft. Die Blütenblätter auf dem dunkelgrünen, feucht glänzenden Moosteppich geben ein Bild von ganz eigener herzergreifender Schönheit. Darum sind gerade die Kirschblüten zum Sinnbild der Vergänglichkeit geworden. Ohne irgendeinen Zweck zu erfüllen, entfalten sie ihre überwältigende Schönheit, um beim ersten Regen dahinzuschwinden. Häufig werden die Ufer von Bächen oder Kanälen von Zierkirschen gesäumt. Es ist das Bild der vergänglichen Schönheit, wenn das dahinziehende Wasser von den Blütenblättern der Kirsche bedeckt ist.
Ein junger Samurai, der in der Blüte seines Lebens im Kampf fällt, gleicht der Kirschblüte. Eine schöne, junge Frau kann in ihrer Jugendblüte als hana bezeichnet werden. Hana no iro ist dann nicht nur die Farbe der Kirschblüten, sondern die anziehende Farbe einer schönen Frau in der Blüte ihrer Jugend.
Die Worte ‚..furu nagame ..‘ in der 4. und 5. Zeile des Gedichtes können als »Fallen des Dauerregens« gelesen werden. Es ist dann der Regen, der die Blüten fallen und ihre Farbe schwinden lässt. Furu, fallen, ist aber zugleich ein Wortspiel und kann bedeuten: Man lebt dahin, wird alt, ist nichts Besonderes mehr. Der Dauerregen – nagame – ist gleichklingend mit »starren«, etwas mit starkem Blick fixieren und festhalten: Während die Dichterin sinnlos altert, ist ihr Blick fixiert auf die Blüte der Jugend, die aber längst schon vom Regen zu Boden geschlagen ist. Das Starren auf die »Blüte« und der Versuch, die Lebendigkeit der Jugend und ihre Farbe festzuhalten, führt dazu, dass das Leben »fällt« und die Dichterin sich jetzt alt und leer fühlt.
Iro, die Farbe. Farbe gibt dem Leben die Farbe, die es bunt und lebenswert erscheinen lassen. Hängt aber das Herz zu stark an der Farbe, so führt das Verblassen oder Fehlen der Farbe zur Verzweiflung. Das Leben erscheint leer, farblos und nicht lebenswert. Entweder verfallen wir dann in eine trübe Stimmung der Sinnlosigkeit, oder wir versuchen, diese Leere und Abwesenheit von Farbe durch übergroße Aktivitäten zu übertönen.

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