Die Vergänglichkeit

4. Die Vergänglichkeit
4.1 Hyperions Schicksalslied

In Hölderlins Briefroman Hyperion findet sich das berühmte Schicksalslied, in dem die Vergänglichkeit des Menschen beklagt wird.

Ihr wandelt droben im Licht
  Auf weichem Boden, selige Genien!
    länzende Götterlüfte
      Rühren euch leicht,
        Wie die Finger der Künstlerin
          Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
  Säugling, atmen die Himmlischen;
    Keusch bewahrt
      In bescheidener Knospe,
        Blühet ewig
          Ihnen der Geist,
            Und die seligen Augen
              Blicken in stiller
                Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
  Auf keiner Stätte zu ruhn,
    Es schwinden, es fallen
      Die leidenden Menschen
        Blindlings von einer
          Stunde zur andern,
            Wie Wasser von Klippe
              Zu Klippe geworfen,
                Jahr lang ins Ungewisse hinab.

In den ersten beiden Strophen zeichnet Hölderlin ein idealisches Bild der himmlischen Genien, die schicksalslos wie schlafende Säuglinge immer auf weichem Boden im Licht wandeln. Die Menschen dagegen haben ein Schicksal, schwinden und fallen ruhelos wie Wasser von Klippe zu Klippe.
Die Genien sind namenlose Geister, die im ewigen Licht leben. Hölderlin nennt in diesem Lied keine Namen der griechischen oder römischen antiken Götter und auch nicht den christlichen Gott. Vielleicht deshalb, weil ihre Zeit vorbei ist, und sie nur noch wie ein Traum in unserem Geist weilen. In der Hymne Heimkunft heißt es:

Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück.

Hölderlins Hyperion lebt zur Zeit der Freiheitskämpfe von der türkischen Besatzung Griechenlands. Er leidet daran, dass die Zeit des klassischen Athen mit seiner vorbildhaften Hochkultur schon längst vergangen ist. Zur Zeit Hyperions gibt es nur ein klägliches Abbild längst vergangener Größe. Er kämpft auf der Seite der Russen gegen die Türken in der Seeschlacht von Cesme und kommt nur mit Mühe mit dem Leben davon. Desillusioniert wendet er sich von den Freiheitskriegen ab. Schließlich erfährt er, dass seine Geliebte Diotima schwermütig gestorben ist, weil sie vermutete, Hyperion sei in der Schlacht getötet worden. Als er schließlich nach Deutschland kommt, um sich weiterzubilden, findet er dort nur »Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarisch geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls«.

Handwerker siehst du aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, junge und gesetzte Leute, aber keine Menschen.

Alle Ideale sind ihm zu Strohhunden geworden und enttäuscht sucht er seine Ruhe in der Natur.
O du, so dachte ich, mit deinen Göttern, Natur! ich hab ihn ausgeträumt, von Menschendingen den Traum und sage, nur du lebst, und was die Friedlosen erzwungen, erdacht, es schmilzt, wie Perlen von Wachs.
Die leidenden Menschen fallen, so heißt es im Schicksalslied, blindlings von einer Stunde zur anderen. Sie fallen blindlings, weil das Schicksal nicht auswählt, ob einer gut oder schlecht ist. Himmel und
Erde sind unparteiisch, wie es im Daodejing heißt. Ereilt uns das Schicksal der Veränderung unversehens und gegen jede Vorausplanung, kann man sich zwar fragen: warum gerade ich! Aber man wird auf diese Frage keine Antwort bekommen. Die Menschen fallen wie Wasser von einer Klippe zur anderen geworfen ins Ungewisse. Da helfen keine Lebensversicherungen oder andere Absicherungen. Wenn die Zeit da ist, ereilt uns das Schicksal.
Rilke nimmt in einem späten Gedicht das Bild Hölderlins in einer sehr dichten Sprache auf. Das Gedicht ist überschrieben: An Hölderlin

An Hölderlin
VERWEILUNG, auch am Vertrautesten nicht,
ist uns gegeben; aus den erfüllten
Bildern stürzt der Geist zu plötzlich zu füllenden; Seeen
sind erst im Ewigen. Hier ist Fallen
das Tüchtigste. Aus dem gekonnten Gefühl
überfallen hinab ins geahndete, weiter.

Verweilung ist uns Menschen nicht gegeben. Auch das Vertrauteste endet plötzlich und unerwartet. Kaum hat sich der Geist auf eine Situation, ein Bild eingestellt, das er ganz erfüllt und in der er sich bequem eingerichtet hat, stürzen plötzlich neue Bilder und Situationen auf uns ein, die es nun wieder zu füllen gilt. Es ist wie das Wasser in Hyperions Schicksalslied, das ohne Rast von einem zum nächsten Felsen stürzt. Kaum meint man, sich in einer Situation eingerichtet zu haben und endlich Ruhe finden zu können, stürzt man schon wieder hinunter zur nächsten Klippe des Lebens. Das Wasser unseres Lebensschicksals sammelt sich niemals in Seeen, die still in sich ruhen.
Das Bild des Sees, der in sich ruht, hat Rilke neu in das Bild des stürzenden Wassers eingefügt. Es ist, als würde hier plötzlich mitten im tosenden Stürzen die Stille eines gestillten und in sich ruhenden Lebens aufscheinen. Rilke meint, dass diese Stille erst im Ewigen sein kann. Aber vielleicht ist es ja gerade die Fähigkeit der Meditation, mitten im Fallen und Stürzen innezuhalten und die Stille in uns selbst zu erleben. Aber das bedeutet nicht, dass wir den steten Wandel unseres Lebens damit aufhalten können. Es ist ein Innehalten und Vernehmen der Stille, um selbst still zu werden. Dies Innehalten gibt uns die Möglichkeit, zurückzutreten aus dem rasenden Machen – Müssen und wieder zum inneren Frieden zu finden.
Eine Veränderung des Fallens ist mit der Besinnung auf den stillen See dennoch geschehen. Zunächst stürzt der Geist von einem Bild zum anderen. Aber nun hat sich das Stürzen in ein Fallen verwandelt, das gekonnt ist:

Hier (im Gegensatz zum Ewigen) ist Fallen
das Tüchtigste. Aus dem gekonnten Gefühl
überfallen hinab ins geahndete, weiter.

Fallen ist das Tüchtigste. Es ist ein Los-lassen des Gewohnten und ein Zu-lassen des Neuen. Eine Verweigerung der Veränderung würde bedeuten, dass wir die alten Strohhunde weiter benutzen, die schon längst nicht mehr zeitgemäß sind und die nur noch Alpträume erzeugen.
Im Zen gibt es die Geschichte eines Mönchs, der in einem gewaltigen Baum hängt und sich mit den Zähnen verzweifelt an einem Ast festhält. Er kann weder mit den Armen noch den Beinen irgendeinen anderen Teil des Baumes erreichen. Da kommt ein anderer Mönch unten am Baum vorbei und fragt unseren Mönch, der mit den Zähnen am Ast festhängt nach dem Sinn des Kommens von Bodhidharma in den Osten.(*FN* Bodhidharma hat der Legende nach den Zen von Indien nach China gebracht. Die Geschichte wird ausführlich erläutert in meinem Buch: Mukshai mukashi, Seite 183. Zu Bodhidharma oder japanisch Daruma ebd. ab Seite 190*FN*) Bodhidharma war von Indien nach China gekommen, um den Menschen das Los-lassen zu lehren, ein Los-Lassen, das zu sich selbst führt. Die Frage in unserer Geschichte ist nun, ob der Mönch im Baum antworten soll oder nicht.
Antwortet er nicht, so weiß man nicht, was weiter mit ihm geschehen wird.
Aber es ist völlig unhöflich, auf eine Frage nicht zu antworten. Er kann ohnehin nicht auf Dauer mit den Zähnen am Ast angeklammert verweilen, irgendwann stürzt er ab oder er verhungert. Ihm bleibt nur das Los-lassen. Dann aber stürzt er mit Sicherheit. Es ist nur die Frage, wohin er stürzt. Vermutlich nur auf den Boden, auf dem er leben kann, der sogar unmittelbar unter seinen Füßen liegt, den er aber vorher nicht sehen konnte, weil er vor lauter Anklammern nicht auf den Boden schauen konnte. Das Festhalten und Verweilen dagegen würde seinen sicheren Tod bedeuten.
Aber wie oft klammern wir uns an eine Situation, die unhaltbar ist. Nur weil wir die Situation kennen und weil das Neue unbekannt ist und Angst macht. So fallen wir aus dem ‚gekonnten Gefühl’ hinab in das ‚geahndete‘. Das geahndete‘ Gefühl ist noch nicht gekonnt, nur geahnt. Wir kennen die neue Situation noch nicht, wir können nur ahnen, wie sie sein wird. Aber allmählich richten wir uns in der neuen Situation ein und unser Gefühl für diese Situation wird allmählich ‚gekonnt‘. Bis eine neue Wende in unserem Schicksal eintritt, die wieder ins Offene und Unbekannte führt.
Georg Christoph Lichtenberg hat es einmal in einem unnachahmlichen Bonmot gesagt:
Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.