Im Garten der Stille

West-östlicher Archipelagos (für GS)

Meisterschaft ist jene Unbekümmertheit,
die schwer erreichbar zwar, jedoch am Ende
bedenkenlos sich selbst verschenkt,
alles mit allem fügend.

Das Meer, die Wellen, Sonnenglitzern,
Dionysos, die Zeit, als wir noch Götter waren.
Denn zuerst tanzten wir, dann beteten die Stirnen
zu den Göttern, dann trennten sich die Wege
der Rasenden von jenen, die im Gefolge des Theiresias,
auf dem Abfallhaufen Thebens bis heute Flöte spielen.

Hölderlin und Dogen! Das Meer der Griechen und der tote Gott!
Eins kann das andere sein. Ein Buch sei wie ein Garten,
nach dem wir Sehnsucht haben, heißt es,
und unsere Übung heißt: Die Zeit erlösen! Uns!
Abschreiten die Pfade zwischen Meeresinseln,
Steinen, Pflanzen, Wasserbrunnen und Gedichten!

Ich kenn’ ein Haus, durch dessen Dach es regnet,
ein Mahl, bei dem der Hunger bleibt,
und Einen – flötenspielend abends, schreibend,
der in dem Garten wohnt.
Das Buch des Meisters zeigt den Mond.

Reinhard Knodt

Vorwort
Als Mahatma Gandhi nach England kam, lernte er dort Theosophen kennen, die sich mit ihm über die Bagavathgita austauschen wollten. Mit Beschämung musste er zugeben, dass er sie nicht wirklich kannte. Dieses Erlebnis befeuerte ihn, sich mit seiner Kultur „im Ausland“ auseinanderzusetzen. Mahatma Gandhi ist keine Ausnahme. Oft müssen wir auswandern, um das Eigene zu finden. Anscheinend begegnen wir uns selbst in der größten Entfernung.
Dieses Buch zeigt den Weg auf, im Fremden das Eigene zu finden und umgekehrt im Eigenen das Fremde zu entdecken. Es ist der Weg in den Osten, auf den sich der Buchautor aufgemacht und das Terrain des Zen im Tee Weg betreten hat, doch nicht nur das, er machte sich dort auch heimisch. Dieser Aufbruch in eine andere kulturelle Welt führte ihn jedoch nicht weg von sich selbst und seiner Kultur, im Gegenteil. Das Fremde ließ ihn seine eigene Kultur neu entdecken.
Das Buch zeigt wunderbar auf, der Mut neue Wege zu beschreiten, entfaltet eine neue Freiheit mit unerwarteten Fähigkeiten und Möglichkeiten. Der Weg führte zur Entdeckung des Dichters Hölderlin und mit ihm der Schätze der eigenen Kultur.
Auf einmal tauchen in Zusammenhang mit Zen neben Hölderlin Namen auf, wie Schopenhauer, Heidegger, Rilke, Nietzsche u.a., deren Schriften von Erfahrungen erzählen und mit feinen Worten das andeuten, was im Zen und in seinen Wegen bewusst praktiziert und ausgedrückt wird, nämlich im Augenblick ohne unterscheidenden Geist ganz bei den Dingen des Alltags zu sein. Denn, so heißt es im Zen, dann können wir die große Freiheit des Geistes finden. Diesen großen Geist entdeckte der Buchautor ebenso in der westlichen Poesie und Philosophie. Sie spiegeln nach ihm die Erfahrungen wider, von denen Dogen Zenji schreibt.
Zen, als die Kultur der Stille ruft uns Menschen auf, aus dem hektischen Getriebe des Machen-müssens zurückzutreten. In der Stille, so zeigt Zen auf, erwachsen “übernatürliche” Kräfte, die nichts anderes sind als die alltäglichsten Handlungen, doch mit wachem Bewusstsein in jedem Augenblick neu.
Dass diese Kultur nicht nur dem Osten vorbehalten ist, zeigt dieses Buch anhand von Gedichten Hölderlins, Rilkes, philosophischen Texten von Heidegger, Nietzsche, Schelling und anderen. Ihre Texte können Brücken sein, die scheinbar die sich gegenüberstehenden Kulturen Ost und West zusammenführen, doch nicht nur dies. Die Erfahrungen der Menschen, die in der Stille verweilen, scheinen sich sehr zu gleichen. Die Ausdrucksformen, die Interpretationen der Erfahrungen mögen unterschiedlich und unvereinbar sein. Doch blicken wir auf die Erfahrungen, dann können sie zum Boden des gegenseitigen Verstehens und der Begegnung werden.
So kennen z. B. alle Menschen auf dieser Erde das Erleben der Trauer über die Vergänglichkeit allen Seins. Mag sie in der einen Kultur zur Weltverneinung führen, kann sie auf einem anderen Boden zur Entfaltung einer Kultur der Freude über die Schönheit des Augenblicks führen. Das Erleben der Vergänglichkeit ist jedoch beiden zu eigen und darüber ist ein Verstehen des jeweiligen Ausdrucks des anderen möglich. So ist der Untergang des Alten für Hölderlin ein notwendiger Prozess der Erneuerung, ja, ein Prozess, der uns aus dem Gewohnten, das zum Gewöhnlichen geworden ist, herausreißt. Natürlich kommt zunächst der Schmerz, aber das ist ein Schmerz, der uns erwachen lässt und der uns zwingt, wach und offen dem Neuen zu begegnen. Erlebe ich in mir diesen Schmerz des Untergangs, verstehe ich die Sorge des anderen, sich absichern zu wollen.
In dem Verstehen des Anderen spielt die Wahrnehmung eine entscheidende Rolle.
So wird in der Meditation und in den Übungswegen, wie dem Teeweg versucht, das Herz zu reinigen, damit wir die Dinge so wahrnehmen, wie sie sind. Unser Geist soll zu einem klaren Spiegel werden, der die Welt so wiedergibt, wie sie ist.
In diesem Buch wird sehr deutlich, dass sinnliche Erfahrungen nicht ohne Empfindungen wie Freude, Wohlbefinden oder Kummer und Schmerz gemacht werden können. Sie sind der Schlüssel zum Verständnis des Allgemeinen und Ganzen. Die Menschen schreiben ihr Erlebtes in Geschichte und diese wiederum prägt die Menschen. So geht einerseits dem Allgemeinen das Individuelle voraus und gleichzeitig findet sich das Allgemeine im Individuellen. Nur so ist es möglich, dass sich die Menschen unterschiedlicher Kulturen begegnen und verstehen können. Weil wir selbst empfindende Wesen sind, können wir in anderen deren Empfindungen nachvollziehen. Zugleich üben wir unser Mitgefühl mit anderen und uns selbst, wenn wir fremden Ereignissen in uns selbst nachspüren.
Bei all dem geht es in diesem Buch nicht um Schöngeisterei, einer Beschäftigung mit dem Ästhetischen als Zeitvertreib, sondern das Ästhetisch wird zum entscheidenden Faktor des Weltverständnisses und damit des eigenen Lebens. So wie Schelling es beschreibt, werden dann erst die Kräfte des Menschlichen voll ausgebildet.
Dieses Buch gibt uns daher nicht nur einen Einblick in Hölderlins Dichtkunst und der Philosophie Dogen Zenjis, es ist nicht nur eine Beschreibung der Zen-Praxis, wie sie auf dem Tee Weg geübt wird, sondern es ist ein Beitrag zum Verständnis von östlicher und westlicher Kultur, die in ihrem Erleben verbunden sind, nicht nur durch einen Steg, sondern durch die Innigkeit des Erlebens werden sie zu einem Miteinander, wo die Menschen um das Begreifen der Wirklichkeit ringen.

Doris Zölls, Zenmeisterin Benediktushof

Gewidmet allen Suchenden und Irrenden
und allen Wanderern zwischen den Welten

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.
Bis erwacht vom ängstigen Traum, die Seele den Menschen …

Aber du, unsterblich, wenn auch der Griechengesang schon
Dich nicht feiert, wie sonst, aus deinen Wogen, o Meergott!
Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb‘ und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh‘ und wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.

Friedrich Hölderlin: Archipelagos

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