Drachen im I Ging

5.4 Drachen im ersten Zeichen des I Ging
5.4.1 Aufbau der Zeichen im I Ging

Die eigentlichen Zeichen des I Ging entstehen, wenn man die Bilder aus den drei hellen und dunklen Strichen übereinander schichtet. Also zum Beispiel Himmel über Himmel oder Feuer über Berg, Wasser unter Berg usw. Himmel über Himmel ist die erste der vierundsechzig möglichen Kombinationen der acht Bilder, und es heißt, wie könnte es anders sein: Qian, der Himmel. Das erste Zeichen Himmel Qian entsteht durch Doppelung des Bildes Himmel ☰, der ebenfalls Qian heißt.

Das Zeichen Qian zeigt lauter Drachen, die von unten her aufsteigen und bis in den Himmel fliegen. Um das verständlich zu machen, muss ich nun doch noch ein klein wenig ausholen.

Die Zeichen des I Ging wurden ja nicht nur als Weisheitsbuch gelesen, sie wurden auch benutzt, um Vorhersagen für das Leben zu gewinnen. Der Mensch wollte schon immer und will immer noch allzu gern wissen, wie seine Zukunft aussieht. Dazu hat man das I Ging befragt, indem man Schafgarbenstängel aus einem Bündel von 50 Stängeln nach einem bestimmten System abgezählt hat. Wie das genau geht, kann ich hier nicht erklären, weil wir eigentlich etwas über Drachen erfahren möchten.
Nur soviel sei verraten: Man teilt die Stängel mehrfach auf und zählt sie nach einem bestimmten System für die sechs Linien ab, von der Untersten bis zur Obersten. Dabei ergeben sich nach komplizierten Berechnungen für jede der sechs Linien die Zahlen sechs, sieben, acht oder neun.

• Sieben das „junge Yang“ ____ eine ganze Linie, die sich nicht wandelt.
• Acht ist das „junge Yin“ __ __ eine gebrochene Linie, die sich nicht wandelt.
• Neun ist das „alte Yang“ o eine ungebrochene Linie,
die sich in eine gebrochene Linie __ __ wandelt.

• Sechs ist das „alte Yin“ __x__ eine gebrochene Linie, die zu einer ungebrochenen wird.

Das klingt kompliziert, ist aber aus der Betrachtung des Mondes und der Beobachtung der Natur abgeleitet. Beim Mond waren es die Phasen des zunehmenden Lichtes, der volle Mond, die Phasen des abnehmenden Lichtes und der Neumond. Beim zunehmenden Mond kann die helle Seite immer weiter zunehmen, es ist das junge Yang.
Der volle Mond kann nicht weiter zunehmen, er ist das alte Yang. Aber sofort dreht sich die Bewegung des Lichtes um und die dunkle Seite wird immer größer – das junge Yin.
Beim Neumond ist diese Bewegung zu ihrem Ende gekommen – das alte Yin.

Fu Xi hatte aber nicht nur nach oben zum Himmel geschaut. Er schaut danach hinunter zur Erde und beobachtet die Erscheinungen der Natur. Auch unten auf der Erde wechselt das Licht.

Der frühe Morgen ist eine Zeit, in der das Licht erscheint, aber das Licht kann noch immer weiter zunehmen. Es ist die Zeit des »jungen Yang«. Der Mittag ist die Zeit, in der das Licht den höchsten Stand erreicht hat, und es muss abnehmen. Es ist die Zeit des »alten Yang«. Also wird diese Zeit irgendwann zur Dunkelheit werden. Die Sieben steht also für die Zeit des frühen Morgens, in der noch keine Veränderung stattfindet, sondern nur noch eine Verstärkung des Lichtes. Aber die Neun steht dann für den Mittag, der das Licht brechen wird, also für eine Zeit, die eine Abnahme des Lichts und eine Zunahme des Dunkels bringt, auch wenn man das noch nicht so gleich merkt. Die Zeit des jungen Yin ist der Abend und die frühe Nacht. Es kann immer noch dunkler werden. Der Umschlag ist um Mitternacht, in der sich das alte Yin wieder wandelt hin zum Licht.

Es sind also vier unterschiedliche Elemente, aus denen sich alle Zeichen des I Ging zusammensetzen. Sie können entweder als feste oder sich wandelnde Striche dargestellt werden. Es gibt aber auch eine andere traditionelle Darstellung mit zwei Linien:

altes Yang 太陽 tài yáng (wörtlich: dickes Yang‘)
junges Yang 少陽 shǎo yáng (kleines Yang)
junges Yin 少陰 shǎo yīn (kleines Yin)
altes Yin 太陰 tài yīn (dickes Yin)

Wenn man beim Orakellegen das Zeichen Qian bekommen hat, kann es sich aus Linien aus dem jungen Yang oder dem alten Yang zusammensetzen, die entweder aus einer Sieben oder einer Neun entstehen. Das alte Yang aus einer Neun gebildet ändert sich, und es gibt zu der entsprechenden Linie einen Kommentar, der berücksichtigt werden muss.

Bevor wir uns genauer mit dem Text befassen noch eine Anmerkung zum Text und zur Übersetzung. In diesem Buch werden wir uns immer nur auf den chinesischen Originaltext(*FN*Chinese Textprojekt, I Ging http://ctext.org/book-of-changes/qian*FN*) beziehen und eigene Übersetzungen versuchen. Der chinesische Originaltext ist extrem kurz, oft so kurz, dass er nur sehr schwer zu übersetzen ist. Jede Übersetzung wird automatisch eine Interpretation.
Der Text, der das erste Zeichen Qian beschreibt, besteht nur aus 5 Schriftzeichen:
乾元亨利貞 Qian Yuan Heng Li Zhen.

Verdeutlichen kann man den Text durch Satzzeichen wie etwa: Qian: Yuan Heng; Li Zhen.
Qian ist der Name des Zeichens. Die folgenden Zeichen beschreiben den Inhalt des Zeichens, etwa zu übersetzen:

HIMMEL: URSPRUNG, WACHSTUM, ERNTEN, ERPROBUNG.

Aber das ist nur eine Möglichkeit der Übersetzung. Richard Wilhelm übersetzt: »Das Schöpferische wirkt erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit.« In der alten Übersetzung von Legge heißt es: »Qian (represents) what is great and originating, penetrating, advantageous, correct and firm.«
Gia Fu Feng(*FN* Yi Jing, Theseus Verlag*FN*)übersetzt: »Der Himmel Ursprünglich Gnade Förderlich Hingabe.« Bei Frank Fiedeler(*FN* Yijing, Diederichs*FN*) heißt es: »Die Lichtseite. Der Wunschgedanke dringt durch. Günstig für eine Verwirklichung.«
Ein Beispiel für die Schwierigkeit der Deutung soll die Lesung des Zeichens für Yuan 元 geben. Die Angaben im Lexikon reichen von: Anfang, Ursprung, Quelle, Kopf, der Älteste, bis hin zu korrekt, Häuptling, 60 Jahre (in der chinesischen Astrologie nach denen alles wieder neu beginnt), einem Geldstück oder der Yuan Dynastie.
Frank Fiedeler meint, in der Orakelschrift des Zeichens einen Körper mit zwei Köpfen zu erkennen. Das würde dann auf die beiden Ur-Wesen Fu Xi und Nü WA hindeuten, die der Ursprung von allem sind.

Wir können und wollen hier nicht entscheiden, welche Übersetzung »richtig« oder sinnvoll ist. Die altertümliche Sprache des I Ging ist knapp und voller Bilder. Wenn man den Text interpretieren will, muss man sich die Bilder genauer anschauen. Deshalb versuchen wir, den Text wortgetreu zu übersetzen und dann die Bilder zu verstehen. Daraus kann sich dann vielleicht eine interpretierende Übersetzung ergeben. Frank Fiedeler deutet diese Worte als eine Darstellung der Natur des Mondes.

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