Göttliche Drachen

4.3 Drache als göttliches Wesen und Verkörperung der Natur.
In einer Schrift, die dem Meister Guan Zhong 管仲 (+ 614 v.Chr.) zugeschrieben wird, findet sich eine wichtige Beschreibung von Drachen. Guan Zhong war 14 Jahre lang Kanzler im Reich der Qi, nach denen China seinen Namen erhalten hat, also auch in der Politik, nicht nur in der Philosophie eine wichtige Person. Die Schrift wurde aber vermutlich erst nach seinem Tod zusammengestellt. Dort heißt es:
Diejenigen Wesen, welche im Dunkel verborgen, leben oder sterben können sind: die Schafgarbe, die Schildkröte und die Drachen.
Die Schildkröte wurde im Wasser geboren, aber im Feuer gibt sie preis, was sie weiß. So wird sie das erste aller Wesen, der Regler von Unglück oder Glück,
Der Drache im Wasser verbirgt sich durch die fünf Farben. Deshalb ist er göttlich (shen 神).
Wenn er klein sein möchte, nimmt er die Gestalt eines Seidenwurms an. Wenn er groß sein möchte, verbirgt er sich in der gesamten Welt.
Wenn er zu erscheinen wünscht, streicht er durch die Wolken, wenn er verschwinden möchte, verbirgt er sich in tiefen Brunnen.
Er, dessen Erscheinungen nicht durch die Tage begrenzt ist, und dessen Erscheinen oder Verschwinden nicht durch die Zeit beschränkt wird, wird ein Gott (shen 神) genannt.

Das Dunkel, in dem die drei genannten Wesen existieren, ist der Urgrund von allem. Nur im Dunkel verborgen bereiten sich die wichtigen Dinge vor: das Kind im Mutterleib, der Keimling der Pflanze und alles, was entstehen will. Das erste „Wesen“ ist die Schafgarbe, aus deren Stängel man die Stäbe für das I Ging Orakel schneidet. Das zweite Wesen, die Schildkröte, hat ebenfalls mit dem Orakel zu tun. Sie ist im Wasser geboren. Aber um das Orakel zu erhalten, erhitzte man ihren Panzer. Aus den Sprüngen, die im Feuer entstanden, schloss man auf günstige und ungünstige Vorzeichen. Darum ist die Schildkröte, „das Erste der Wesen, der Regler von Glück und Unglück.
Die Drachen sind mit dem Wasser verbunden. Sie verbergen sich im Wasser durch die „fünf Farben“. Diese Farben sind Blau, Grün, Rot, Weiß und Gelb. Sie stehen für die fünf Elemente Wasser, Holz, Feuer, Metall und Erde. Es gibt Drachen in allen diesen Farben, aber der Text meint, dass sich die Drachen verbergen, indem sie ALLE fünf Farben annehmen, das heißt, indem sie sich in den Fünf Elementen verbergen. Das heißt nichts anderes, als dass sie alle fünf Elemente, also der gesamte Kosmos sind.

Wenn die Drachen groß sein wollen, „verbergen sie sich in der gesamten Welt“. Man kann also sagen, dass die Drachen ALLES sind, die kleinsten Dinge, die gesamte Welt, alle Elemente und alle Wesen. Das ist eine philosophische Aussage, die in China sonst nur über das Dao selbst gemacht werden. Alles ist Dao, das sich selbst aber immer im Dunkel verbirgt. Es erscheint lediglich in den verschiedensten Formen der Dinge der Welt.

Der japanische Zenmeister Dōgen hat ein wunderschönes Bild gegeben, mit dem er das Wesen der Buddha – Natur beschreibt. Dieses Bild könnte vielleicht auch für den Drachen passen, wie er bei Meister Guan Zhong beschrieben wird. Im Buddhismus sagt man, alle Wesen haben Buddhanatur. Aber es ist die Frage, ob jedes Wesen dann immer nur einen kleinen Teil der gesamten Buddha-Natur hat und ob die Buddha – Natur nur vollkommen ist in der Versammlung aller existierenden Wesen. Dōgen sagt, die Buddha – Natur ist wie der Mond, der sich in einem Tautropfen spiegelt.
Nein, er spiegelt sich nicht. Dōgen sagt, der Mond »ist in dem Tautropfen«. Nicht ein Teil vom Mond, sondern ganz und gar. Und in allen Tautropfen ist derselbe Mond, ebenfalls ganz und gar. Der Mond ist im Tautropfen, aber er wird nicht nass und der Tautropfen wird nicht von der Größe des Mondes gesprengt. Alle Wesen haben Buddha – Natur, auch der Übeltäter. Dōgen schreibt, dass sich der Mond auch in einer schlammigen Pfütze befindet, aber er wird nicht schmutzig. Aber kann ein Verbrecher wirklich ein Buddha sein bzw. die Buddhanatur in sich tragen?

An einer anderen Stelle seiner Schriften untersucht Dōgen die »übernatürlichen Kräfte«. Im Buddhismus gab es Richtungen, in denen man glaubte, durch die Meditation übernatürliche Kräfte entwickeln zu können. Man hoffte, fliegen zu können, an mehreren Orten zugleich sein zu können, Gedanken lesen zu können und Ähnliches.

Aber Dōgen sagt, die übernatürlichen Kräfte des Buddhisten seien die Fähigkeit, Wasser zu holen oder Feuer anzuzünden, also ganz alltägliche Dinge. Ist es wirklich so alltäglich, dass wir Feuer anzünden können? Ist es nicht ein Wunder, wie sich Brennholz in Licht und Wärme verwandelt? Jeder Mensch hat die Fähigkeit, Wasser zu holen oder Feuer anzuzünden, so wie er auch die Buddha – Natur hat. Aber wenn wir nicht zum Brunnen gehen und das Wasser holen, dann wird diese Fähigkeit nicht »verwirklicht«. Ebenso ist es mit der Buddha-Natur: Sie muss verwirklicht werden. Sie wird verwirklicht durch die Übung der Meditation. Dōgen sagt, wir üben uns nicht in der Meditation, um ein Buddha zu werden. In dem Augenblick, in dem wir uns entschließen zu üben, SIND wir ein übender Buddha.

Sollte Meister Guan Zhong meinen, dass der Drache so wie der Mond im Tautropfen in allen Wesen ist? Ist er deshalb »göttlich«? Er ist nicht göttlich, weil er wie ein Gott verehrt würde. Dann müsste man Altäre bauen und zu den Drachen beten. Aber das ist niemals geschehen. Der Drache ist deshalb göttlich, weil er ein Teil der Wesensnatur von allem ist, was existiert. Jeder Mensch hätte dann die Drachennatur. Er müsste sie nur leben.

Drachen können in jeder beliebigen denkbaren Form erscheinen, nicht nur in der bekannten Form der Drachen, wie sie meistens dargestellt werden. In einem alten chinesischen Lied heißt es:
Es gibt kein Wesen, dass weiser ist als ein Drache. Seine segensreiche Kraft ist niemals unwahr. Er kann kleiner sein als klein oder größer als groß. Er kann höher sein als hoch oder tiefer als tief. Er ist ein himmlisches Wesen, so wie das Pferd ein irdisches Wesen ist.
»Wenn der Drache klein sein möchte, nimmt er die Gestalt eines Seidenwurms an. Wenn er groß sein möchte, verbirgt er sich in der gesamten Welt.« Er kann kleiner sein als klein oder größer als groß. Er kann höher sein als hoch und tiefer als tief.

Das klingt wie die Beschreibung einer fraktalen Struktur, wie die moderne Wissenschaft sagt. In einem fraktalen Weltmodell wiederholt sich dieselbe Struktur von der kleinsten Größe bis hin in die größtmögliche Form. Wenn man einen Blumenkohl genauer anschaut, so erkennt man immer wieder dieselbe Form, vom gesamten Kohlkopf hin bis zum kleinsten Röschen. Die Struktur des Atoms wiederholt sich am Sternenhimmel in der Form von Sonnensystemen. Der Drache erscheint als gewaltiges, sich windendes Wesen am Himmel. Im Frühjahr steigt er spiralförmig auf zum Himmel, im Herbst steigt er ab und verschwindet im Wasser. Die DNA, das Erbgut, in dem alle Lebensinformationen enthalten sind, gleicht einer Doppelhelix. Der eine Teil der Helix windet sich nach oben, der andere steigt ab nach unten. Der Drache als Bild der DNA? Konnten die Menschen des Altertums solche Zusammenhänge erkennen? Das war nicht nötig, denn sie haben die großen Erscheinungen der Natur studiert, mit den Erfahrungen ihres eigenen Lebens verglichen und die Strukturen des Lebens im Bild des Drachen geformt. Man muss ja den Blumenkohl nicht bis in das kleinste Röschen untersuchen. Es genügt, den gesamten Kopf anzuschauen und man weiß, wie die kleinsten Teile aussehen.

4.3.1 Shen: Gott oder Geist
Guan Zhong bezeichnet die Drachen als göttlich. Aber das chinesische Wort shen 神 muss nicht unbedingt einen »Gott« bezeichnen. Das Wort wird in Japan als Shin oder Kami gesprochen. Die einheimische japanische Religion ist der Shin-Tō, der WEG der Shin. Aber niemand in Japan weiß genau, was ein Kami oder Shin ist. Es kann eine Naturerscheinung sein, ein Gras, ein Baum oder ein Felsen. Es kann eine geheimnisvolle Macht bezeichnen oder einen Vorfahren, der nun als Kami ein Schutz gewährt.
In der alten Siegelschrift sieht man links einen steinernen Altar, rechts vermutlich einen Blitz in Wolken. Der Blitz kommt vom Himmel und ist eine Energie des Himmels, eine Manifestation eines Gottes. Das Schriftzeichen zeigt vermutlich eine Opferung auf einem Altar für eine Gottheit.

Das Wort shen wird aber auch in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Dort bezeichnet es den »Geist«, der mit den 10.000 Dingen der Außenwelt in Kontakt tritt. Sein Wohnsitz ist im Herzen 心, chinesisch xīn, Japanisch shin. Dieses shen ist die Lebenskraft und die Freude an der Begegnung mit der Welt, die aus den Augen leuchtet.

Wenn Meister Guan Zhong meint, dass die Drachen shen sind, dann sind es keine Götter oder Geister, es ist auch unser eigener Geist, der aus den Augen leuchtet und der uns mit dem Herzen sehen lässt. Es ist unsere geistige Lebendigkeit. Später werden wir davon noch mehr hören.

Drachen sind ALLES was existiert. Der chinesische Philosoph Huainanzi 淮南子 – Meister aus dem südlichen Huainan – (180 – 122 v. Chr.) schreibt in seinem Werk über die Drachen:
Alle Wesen, ob geflügelt, behaart, mit Schuppen oder gepanzert haben ihren Ursprung im Drachen.

Wenn alle Wesen ihren Ursprung in den Drachen haben, dann haben auch wir die Drachennatur. Wir müssen sie nur verwirklichen.

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